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Fußball, komm nach Hause!

23. May 2008

Ein Jahr nach der Gründung des AFC Wimbledon, berichtete "Die Zeit" über die ungewöhnliche Geschichte des Londoner Vereins. Und wie ein arbeitsloser Finanzberater zum Präsidenten eines ungewöhnlichen Fußballclubs in England wurde.

Jeder von uns hat Tage, die der Herr am besten niemals hätte werden lassen. Kris Stewart macht da keine Ausnahme. Seiner ist der 28.Mai 2002. Ein Montag, passables Wetter in London, der erste Tag nach seinem Urlaub. Um 11 Uhr an jenem Vormittag eröffnet ihm sein Chef, dass er nach zehn Jahren auf Stewarts Dienste als Finanzberater in seiner Computerfirma verzichten würde. Und am Abend wird bekannt, dass der FC Wimbledon, Stewarts favorisierter Fußballverein, nach Milton Keynes umziehen wird, 100 Kilometer nordwestlich von London.

Kris sieht nicht aus wie jemand, der sich leicht umwerfen lässt. Aber er wird krank an diesem Abend. Als Vorsitzender der unabhängigen Fan-Organisation des FC Wimbledon hatte er seit Jahren dagegen gekämpft, dass ihm sein Club genommen wird. Seit 1992 waberten Verkaufsgerüchte, seit der Verein heimatlos ist – das alte, marode Stadion an der Plough Lane wurde abgerissen und das Gelände an eine Supermarktkette verkauft. Kommerziell nutzbares Bauland ist rar in London. Der FC, 1988 immerhin Cup-Gewinner und seit Mitte der Achtziger Mitglied der Premier League, war seitdem Untermieter bei Crystal Palace im Selhurst Park. Einer von 13 Proficlubs in London. Nach Dublin sollte der Club mal transferiert werden, mal nach Belfast. Ein Verein als strategische Manövriermasse für Anleger.

Jetzt also Milton Keynes, alle Proteste umsonst, alles Beharren auf einer über ein Jahrhundert alten Tradition vergebens. Verkauft in eine Retortenstadt. „Manche sagen: eine Plastikstadt“, sagt Stewart. Eine Stadt, in der ein großes Freizeit- und Shopping-Paradies entstehen soll. „Da haben die sich wohl gedacht: Ein Proficlub als Profit-Center würde ganz gut dahin passen“, sagt Stewart.

Er geht ins Fox & Grapes am 28. Mai 2002, wo sich der harte Kern der Fans trifft, denen man gerade einen Teil ihrer Heimat genommen hat. Sie spülen den Tod ihres Vereins hochprozentig hinunter. Ein paar Bier und Schnäpse später hat der Ober-Fan Stewart und frisch gekündigte Finanzberater wieder Arbeit: Er ist Präsident des AFC Wimbledon. Die Jungs beschließen einfach, sich das Spiel zurückzuholen – und gründen einen neuen Verein. Von Fans. Für Fans. Und Kris, dieser Bär von einem Mann, dieser Fels in der Brandung, soll sie anführen. „Der Club“, sagt Stewart, „war eine echte Schnapsidee.“

Ein Neubeginn in der siebten Liga. Die Combined County League – eine Spielklasse, in der in der Regel vor 20 Zuschauern gekickt wird – nimmt den AFC auf. Der Dons Trust wird gegründet: eine Art Genossenschaft, der der Verein gehört. Für 25Pfund im Jahr kann jeder einen Anteil erwerben. Mehr nicht. 2500 Dons-Fans sind mittlerweile Vereinsbesitzer. Ivor Heller, Womble (so nennen sich Wimbledons Fans) seit Ewigkeiten und nebenbei Besitzer einer florierenden Druckerei, kümmert sich um Einnahmequellen. Ein ehemaliger Spieler wird zum Trainer bestimmt. Sein Team castet er im großen Stil: Über Radio und Tagespresse lädt der Club interessierte Kicker zu einem Probetraining ein. 500 wollten kommen. 200 dürfen. 20 bleiben am Ende übrig.

Die Presse in England greift den Fall begierig auf – man wittert eine Robin-Hood-Story, einen Aufstand gegen die galoppierende Kommerzialisierung des Fußballs. Sogar Tony Blair meldet sich zu Wort und spricht den Dons für „ihren Durchhaltewillen und ihre Hartnäckigkeit“ seinen Respekt aus. Im Juli bestreitet der AFC Wimbledon sein erstes Freundschaftsspiel, mangels eigener Spielstätte auswärts in Sutton. 4500 entzückte Zuschauer kommen aus Wimbledon, Dutzende von Kamerateams und Journalisten. Hunderte von Luftballons steigen blau und gelb in den Himmel. Viele hätten aus Ergriffenheit geweint, sagt Kris Stewart. Das Spiel geht 0:4 verloren, aber die Fans des wiedergeborenen Fußballs in Wimbledon sind restlos glücklich. Nach dem Spiel stehen sie zu Hunderten vor der Tribüne und feiern Kris Stewart mit endlosen Sprechchören. Der steht da, ganz Präsident, in Anzug und Schlips und weiß gar nicht, wohin mit sich und seinen großen Händen. Er lacht und winkt ab und ringt sichtlich um Fassung. Haut dem kleinen Ivor Heller neben sich ständig auf die Schulter. Er ist ein verflixt glücklicher Mann, nicht einmal sechs Wochen nach dem 28. Mai.

„Das ist das Beste, was ich je in meinem Leben gemacht habe“

Der AFC findet eine neue Heimat an der Kingsmeadow, als Untermieter beim Kingstonian FC. Eine knappe halbe Stunde braucht der Bus aus dem Zentrum von Wimbledon hierher, zu diesem Stadion für 4500 Leute, bei dem man Angst hat, dass das Dach einstürzt, wenn der Ball drauffliegt. Dem charmant-heruntergekommenen Clubheim, in dem bei Heimspielen der Bär tobt. Durch das Ivor Heller in seinem dunklen Anzug fegt und lacht und mit jedem scherzt, bis sein Handy wieder klingelt. Knapp 1000 Zuschauer muss man wieder nach Hause schicken beim ersten ausverkauften Ligaspiel. Gut 2000 Dauerkarten sind verkauft, der Zuschauerschnitt liegt über 3000.

Den FC Wimbledon haben die Fans aus ihrem Gedächtnis gestrichen. „FC Franchise“ heißen die Abwanderer jetzt nur noch, als handele es sich um eine McDonald’s-Filiale. Mehr als 1500 kommen selten zu den Spielen. Auf der Hauptstraße Wimbledons gibt es noch einen Fan-Shop des alten FCW. Geschlossen und mit Brettern vernagelt seit dem 28. Mai letzten Jahres. „Soweit ich weiß, hatten die irgendwelche Probleme mit der Verglasung an jenem Abend“, sagt Stewart und grinst. Und fügt hinzu: „16 Jahre lang war ich glühender Anhänger des alten FC Wimbledon – jetzt wünsche ich ihnen einen grandiosen Misserfolg.“ Nicht etwa aus reiner Boshaftigkeit oder tiefer Enttäuschung, nein: „Sie dürfen nicht damit durchkommen, sondern müssen ein extrem abschreckendes Beispiel werden.“

Der Club hat ein kleines Büro in London SW 19 gemietet. Mal abgesehen von zwei Wochen Tennis im Jahr, ist Wimbledon ein stinknormaler Stadtteil Londons – jedenfalls südlich des Wimbledon Park, wo der Golfplatz ist, die teuren, großen Häuser drum herum und der All England Lawn Tennis and Croquet Club mittendrin. Südlich davon stehen die gleichen hübschen Reihenhäuschen wie überall sonst in den Londoner Außenbezirken, bloß dass sie hier ein bisschen mehr kosten als woanders. 20 bis 30 Minuten fährt man mit der Bahn in die Stadt zur Arbeit. Wenn man denn eine hat.

Trevor Williams hat keine. Seinen Job als Bankangestellter hat er verloren. Arbeitslosengeld bekommt er nicht, weil er nicht nachweisen kann, dass er Arbeit sucht. Dazu hat er keine Zeit, denn er hat eine Aufgabe. Trevor ist Sekretär des AFC Wimbledon, unentgeltlich, ehrenamtlich, wie Kris, der ihm gegenüber sitzt. Trevor ist 30. Letztes Jahr im August ist er zurückgezogen zu seinen Eltern, weil er sich eine eigene Wohnung nicht mehr leisten kann. Und trotzdem: „Das hier ist das Beste, was ich je in meinem Leben gemacht habe“, sagt er.

Auch Stewart ist immer noch arbeitslos. Natürlich. Der AFC lässt keinen Raum für einen Job. Das geht noch gerade so, mit seiner Abfindung, mit guten Freunden „und einem verständnisvollen Sachbearbeiter bei meiner Bank“. Lange kann der 36-Jährige das nicht mehr unentgeltlich machen. Wenn nicht bald etwas passiert, wird er sich auf die Suche machen müssen nach einem neuen Job, genau wie Trevor. Der Dons Trust erwägt, die beiden hauptamtlich anzustellen. Stewart wird keine Reichtümer einheimsen als hauptamtlicher Chef, das wäre den Fans nicht zu vermitteln. Zum Leben aber dürfte es langen. Und Sinn macht es allemal, Stewart einzustellen. Er ist ein beeindruckender Präsident. Ruhig. Freundlich. Er repräsentiert den Club nach außen. In den Medien, vor den Fans, vor potenziellen Sponsoren. Er sitzt in Konferenzen und Versammlungen und redet sich den Mund fusselig für seinen Traum – den AFC zurückzuführen in den bezahlten Fußball. Gerade liegt eine Marathon-Konferenz-Woche hinter ihm: Am Montag hat der Dons Trust beschlossen, dem klammen Kingstonian FC das Stadion an der Kingsmeadow abzukaufen. Jetzt muss ein Finanzierungskonzept her, um drei Millionen Pfund aufzutreiben. Dafür trifft der Trust sich mit TBWA, einer der größten Werbeagenturen der Welt – die übernimmt unentgeltlich eine Imagekampagne für die Fußballrebellen. Der Chef der Firma: ein Dons-Fan.

Stewart ist sich sehr bewusst darüber, dass er die Seiten gewechselt hat, irgendwie. Er ist jetzt ein Funktionär, ob er will oder nicht. „Jeder kennt mich“, sagt er, „und jeder will mit mir reden. Da muss ich durch.“ Und dann ist da die Sache mit den Schiris. „Die sind oft so schlecht“, sagt er, „und ich darf sie nicht mal mehr beschimpfen.“ Im Gegenteil: Jetzt muss Kris Stewart ihnen hinterher die Hand schütteln und in jedem Fall einen good Job bescheinigen. „Und ich fange an, in Fußballphrasen zu sprechen, wenn Journalisten kommen. Furchtbar.“ Man wird vorsichtig, wenn man 2500 Menschen vorsteht.

Manchmal nervt das. Manchmal will er gar nicht der sein, auf dem alle Augen ruhen. Manchmal will er einfach nur in der Kurve stehen und die Dons anfeuern. Aber er hat nun mal etwas ins Rollen gebracht. „Zu 98 Prozent mache ich das hier, weil es einfach mein Ding ist“, sagt er, „aber zu 2 Prozent mache ich es, weil ich weiß, dass es richtig ist.“ Okay, sagt Trevor Williams über den Tisch hinweg, kann ja sein, dass wir was Besonderes sind – „aber in Wahrheit wollte ich bloß wieder jemand haben, dem ich samstags zujubeln kann“. Williams ist stolz auf das, was sie geschafft haben, „es ist unmöglich, es nicht zu sein“. Und eigentlich will hier niemand den Club moralisch über andere stellen. Aber genau da steht er. Er ist ein leuchtendes Beispiel für andere, er sendet eine Message aus: Lasst euch nicht alles gefallen. Geld ist nicht alles. Holt euch das Spiel zurück, es gehört euch – und nicht jenen, die euch zu Statisten in einem Spiel um Millionen gemacht haben. Tatsächlich beobachten britische Vereinsbosse das Geschehen in London mit gemischten Gefühlen. York City, ein Drittligist aus dem Norden, ist Ende März in die Hände der Fans übergegangen.

Für das Geld ist beim AFC Ivor Heller zuständig, ein Mann mit beeindruckender Überzeugungskraft. Er verschaffte dem Verein einen Sponsor – die Computerspielefirma Sports Interactive, deren Chef ein Fan des Clubs ist. Macht: 100000 Pfund für drei Jahre. Jedes Spiel wird an den Sponsor des Tages verkauft, jedes Trikot, jede Hose, jeder Stutzen – alles ist von einzelnen Gönnern bezahlt. Die Eintrittspreise sind mit 8 Pfund üppig. Aber die Fans zahlen es gern, genau wie die 35 Pfund für ein Originaltrikot. Der Ideenreichtum an Geldbeschaffungsmaßnahmen ist legendär, die Führung des Clubs professioneller als bei vielen Erstligisten.

Gemeinsames Training mit dem FC St. Pauli

Das Stadionmagazin Yellow and Blue ist auf Hochglanzpapier gedruckt. Es gibt haufenweise Ordner, natürlich ehrenamtliche, die teilweise über Funk verbunden sind. Der Stadionsprecher ist Moderator bei einem Radiosender, ein Profi. Jedes Heimspiel wird als Hörfunkreportage im Internet übertragen. Ein paar hundert Fans sind so außerhalb Londons immer live dabei – in Thailand, Australien und den USA. Mittlerweile auch in Deutschland. Mit dem FC St. Pauli, auch so ein etwas anderer Club, besteht neuerdings eine Fan-Freundschaft. Über gemeinsame Trainingslager wird nachgedacht, na ja, wenigstens mal ein Freundschaftsspiel wäre schön.

Aber erst mal ist wieder Samstag. Matchday, Spieltag 39. Der Tabellenführer kommt zum Zweiten. AFC Wimbledon gegen AFC Wallingford. 3234 zahlende Argumente für Wimbledon stehen auf den Rängen, singen, leiden und feiern: das Team, sich selbst und den Glauben an eine bessere Fußball-Welt. Das Spiel ist hochklassig, mit Leidenschaft und Körpereinsatz in der Nähe von Mordversuch. Eine gnädige Frühlingssonne bescheint in der 56. Minute ein Kopfballtor, der Siegtreffer zum verdienten 3:2. Mehr als 3000 Fans feiern ihre Jungs mit stehenden Ovationen, einige wischen sich Tränen aus den Augenwinkeln. Vielleicht steigen sie doch noch auf in diesem Jahr, es wird eng. Wenn nicht: Im nächsten Jahr. Es wird viel gelacht und getrunken an diesem wunderbaren Abend. Und geträumt. Von noch besseren Zeiten der Glorie, wieder im Profifußball.

Kris Stewart nimmt einen Schluck Bier. Er spürt den Druck all der Hände, die seine Schultern klopfen. Noch mal gegen Manchester, Arsenal und Liverpool, das wär’s. In einem funkelnagelneuen Stadion an der Plough Lane, warum denn nicht? Der Supermarkt wurde nie gebaut. Da ist nur der Schutt vom alten Stadion und Gras, das darüber gewachsen ist, und ein altes Eingangstor aus Wellblech. „Womble til I die“ hat einer draufgesprüht – Fan bis ins Grab. Solange hier kein Haus steht und kein Supermarkt, so lange wird Kris Stewart auf diesen Platz hoffen, im Herzen von Wimbledon. Hoffen für den AFC. Für die Sache. Für sich. Und darauf, dass der Fußball endgültig nach Hause kommt.

Kris Stewart weiß, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Er ist Präsident des AFC Wimbledon. Ein Club, den Fans gegründet haben, weil ihr alter Verein verkauft wurde. Der britische Premier Tony Blair hat den Gründern Respekt gezollt für ihre Hartnäckigkeit.

Von Stephan Bartels

Quelle: Die Zeit, 24.04.2003, Nr.18, Portait