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Die Retter des Kängurus

23. May 2008

Im österreichischen Ballesterer FM, dem "Magazin zur offensiven Erweiterung des Fußballhorizonts" erschien im Jahr 2005 ein Bericht über die Rettung des tschechischen Traditionsvereines Bohemians Prag, durch die eigenen Fans.

Der Traditionsverein Bohemians Prag war dem Tod geweiht, ehe seine Fans das Ruder in die Hand nahmen. Nach einer für Tschechien beispiellosen Rettungsaktion scheint der 100-jährige Patient zumindest in Liga drei weiterspielen zu dürfen. Reinhard Krennhuber mit der Dokumentation einer Wiederbelebung.

Am 29. Jänner dieses Jahres hatten viele Fans von Bohemians Prag einen schweren Gang vor sich - jenen zum vermutlich letzten Spiel ihres geliebten Vereins. Am Vortag war Klubpräsident Krizek zurückgetreten, nachdem der nationale Verband CMFS den 1905 gegründeten Grün-Weißen aus dem Stadtteil Vrsovice wegen Schulden in Höhe von rund 40 Millionen tschechischen Kronen (1,3 Mio. Euro) die Lizenz entzogen hatte.

Trotzdem kamen sie in Scharen zur Zweitrunden-Begegnung des Tipsport-Cups gegen die B-Auswahl von Slavia. Die 0:5-Niederlage war mehr als nebensächlich. Nach dem Schlusspfiff applaudierten die Fans noch einmal ihren Spielern, viele ließen den Tränen ihren Lauf. Zum vermeintlich ultimativen Mal wurde die große Blockfahne aufgezogen: Das Wappen mit dem grünen Känguru - resultierend aus einer Australien-Tournee in den 1920ern - war mit einer Trauerschleife versehen.

Antonin Jelinek managt seit 1996 die Website des Vereins und ist Bohemians-Fan seit er denken kann. An jenem Tag sah auch er keine Zukunft mehr für »Bohemka« - wie der Klub im Volksmund genannt wird. »Ich habe gedacht, jetzt ist es aus. Es waren sehr emotionale Momente, die sich da auf den Tribünen abgespielt haben«, erinnert er sich.

Jelineks Beziehung zu den Bohemians könnte enger kaum sein. Die Eltern wohnten direkt am charmanten alten Dolicek-Stadion im 10. Prager Gemeindebezirk. Vom Balkon aus erlebte er als Kleinkind die erfolgreichste Zeit, als Panenka, Horak und Co. 1983 den einzigen Meistertitel holten und im UEFA-Cup erst im Halbfinale am späteren Sieger RSC Anderlecht scheiterten. »Diese Ära hat mich geprägt«, sagt Jelinek. »Für mich und viele andere ist der Klub ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Mir war klar: Wenn Bohemians sterben sollte, gehe ich nicht mehr zum Fußball.«

Die Vereinshymne als Intialzündung

Doch soweit wollten es die Fans nicht kommen lassen. Sie riefen die Initiative »SOS Känguruh« ins Leben, aus der wenig später die Genossenschaft »Druzstvo fanousku Bohemians« (DFB) hervorging. Ihr primäres Ziel war es zunächst, Mitglieder zu gewinnen und Spenden zu sammeln. Der Mindesteinsatz belief sich auf 1.000 Kronen, für den Fall des Scheiterns der Aktion wurde jedem Geldgeber die Rückerstattung von 99 Prozent der eingebrachten Summe garantiert.

Mitte März waren der Profibetrieb allerdings bereits passé und die seit Jahren finanziell angeschlagenen Bohemians befanden sich wieder einmal in den Händen von Michal Vejsada - einem Ex-Ringer, der bei seinem letzten Engagement Bohemians-Legende Antonin Panenka aus dem Management geschmissen hatte. Der ungeliebte Kampfsportler verkaufte die meisten Leistungsträger zu Schleuderpreisen, noch bevor der Verband den Lizenzentzug bestätigte und eine Strafe in Höhe von drei Millionen Kronen (100.000 Euro) gegen das am Boden liegende Känguru aussprach. Den Fans ging es fortan um einen Weiterbestand in der dritten Liga. Das drohende Abrutschen in die unterste Amateur-Klasse sollte unter allen Umständen vermieden werden.

»Als die Aktion begann, war ich skeptisch«, sagt Jelinek. »Aber das erste öffentliche Treffen hat alle unsere Erwartungen übertroffen. Über 400 Fans sind in ein Prager Restaurant gekommen und zu fortgeschrittener Stunde haben plötzlich alle unsere Hymne zu singen begonnen. Das war der Moment, in dem ich realisiert habe, dass wir es schaffen können.« Was folgte, verlangt wohl selbst den Profi-Rettern des FC St. Pauli Respekt ab. Es wurden Konzerte initiiert, ein Benefizspiel zwischen Kicker-Legenden auf die Beine gestellt und unermüdlich um neue Mitglieder für die Genossenschaft gebuhlt. Auch symbolische Akte blieben nicht aus: Das ausgebleichte Känguru-Emblem am Stadioneingang erhielt einen neuen Anstrich. Die englischsprachige Website des Vereins - natürlich in Händen der Supporter - verkündet derweil in Richtung weiterer potentieller Spender: »Wir laden euch ein, Geschichte mit uns zu schreiben.«

Die in Tschechien einmalige Fanaktion fand Gehör, die Medien sprangen voll auf die Retter-Kampagne an: Jelinek, inzwischen zum Vorsitzenden des DFB aufgestiegen, wurde vom staatlichen Fernsehen zu einer Live-Sendung eingeladen und auch sonst von Interview zu Interview gereicht. Auch die Größen von einst, wie Panenka, begannen sich zu engagieren. Binnen weniger Wochen zählte die »Druzstvo fanousku Bohemians« über 1.200 Mitglieder und hatte beinahe drei Millionen Kronen an Spenden gesammelt. Zahlungswillige meldeten sich aus der ganzen Republik und dem benachbarten Ausland, auch aus Österreich. Jelinek: »Einer der höchsten Einzelbeträge kam von einem gewissen Sepp Laimgruber. Er hat uns 100.000 Kronen überwiesen.«

Gute Stimmung statt schlechter Träume

Ende März rückte für die Retter ein neuer Aspekt in den Mittelpunkt: die Begleichung der fußballbezogenen Außenstände. Kicker und Trainer hatten vom Verein seit Monaten kein Geld mehr gesehen, Forderungen von Spielervermittlern und -Managern reichten teilweise noch weiter zurück. Insgesamt machte dieser Teil rund 20 Mio. Kronen (700.000 Euro) aus. Konkursverwalter und Fußballverband zeigten Sympathie für die Aktionen der Fans, es begannen erste Verhandlungen mit den Gläubigern. Angeboten wurde ihnen, mittels der eingenommenen Gelder zehn Prozent der Schulden zu begleichen. Fast alle sagten zu, weil ihnen im Falle eines Bankrotts des Vereins kaum mehr als fünf Prozent geblieben wären.

Panenka machte erneut den Vorreiter und verzichtete auf stolze 500.000 Kronen. »Das war natürlich keine leichte Entscheidung, ich bin seit sieben Monaten ohne Job«, sagte das Bohemians-Aushängeschild dem ballestererfm. »Aber es gibt keine andere Möglichkeit - Bohemians ist mein Leben. Ich bin seit 43 Jahren mit diesem Verein verbunden, zuerst als Spieler, dann als Trainer, Co-Trainer und Funktionär.«

Die Rettungsaktion sieht »Tonda« auf Schiene: »Es läuft gut. Ich hoffe, dass ich eines Tages aufwache und sagen kann: Dieser schlechte Traum ist vorbei.« Licht am Ende des Tunnels sieht auch Namensvetter Jelinek: »Wir müssen und wir werden die Existenz von Bohemians sichern. Notwendig sind fünf Millionen Kronen. Wenn es so weitergeht, könnten wir sechs Millionen zusammenbekommen.« Was von der Auszahlung an die Ex-Spieler, Betreuer und Spielermanager übrig bleibt, will der Anhängervertreter in den Spielbetrieb stecken. Die Führung des Vereins streben die Fans nicht an, Mitbestimmen werden sie aber auf jeden Fall. »Der DFB soll zehn Prozent am neuen Klub halten und wir werden einen Vertreter ins Präsidium entsenden«, sagt Jelinek.

Panenka hält sich eine Rückkehr ins Management offen: »Wenn die neue Vereinsführung das will, werde ich es mir überlegen. Es kommt aber darauf an, welche Leute am Ruder sind.« Zunächst gelte es ohnehin, die Schulden loszuwerden und die Lizenz zu bekommen. Dann müsse man den guten Ruf des Vereins wieder herstellen, wofür der Europameister von 1976 sicher gut zu gebrauchen wäre. Panenka: »Natürlich würde ich dem Fußball und Bohemians gern erhalten bleiben. Es gibt zwar auch andere Jobs, aber da habe ich keine so gute Stimmung.«

Und genau die sollte für den populären Verein auch in Liga drei herrschen. Jelinek erwartet zu Beginn der Saison rund 2.000 Zuschauer pro Spiel - einen Support, den nicht jeder Erstligist in Tschechien hinter sich weiß. Der dritten Liga will der DFB-Chef dementsprechend schnell den Rücken kehren: »Wir müssen wieder rauf. Schließlich ist das aktuelle Standing das schlechteste in unserer 100-jährigen Klubgeschichte.« Ein ambitioniertes Ziel, für das auch weiterhin Spenden entgegen genommen werden.

Quelle: BallestererFM, 04.08.2005, Fansektor