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FCUM-Serie im Schalke Unser

03. December 2006

Teil 2

Die Resonanz nach dem Bericht über den FC United of Manchester (FCUM) in der letzten Ausgabe des SCHALKE UNSER war beeindruckend. So beeindruckend, dass ich von der Redaktion gebeten wurde, die weitere Geschichte des Vereins zu erzählen, der nach der Übernahme von Manchester United durch US Milliardär Malcolm Glazer von desillusionierten United-Fans gegründet wurde. Diesem Wunsch komme ich gerne nach.

Im 1989 erschienenen US-Kinofilm "Field of Dreams" mimt Kevin Costner einen Farmer, der eines Tages eine mysteriöse Stimme wahrnimmt: "Wenn du es baust, wird er kommen". Diese Botschaft interpretiert er so, dass er daraufhin entgegen jeder Vernunft mitten in seinem abseits gelegenen Maisfeld ein Baseball-Stadion errichtet. Eine verrückte Idee zweifelsohne. Der idealistische Farmer ist entweder Visionär oder Irregeleiteter, wird aber für seine Hartnäckigkeit belohnt, als nach und nach mehrere berühmte Baseball-Stars der Vergangenheit auf seinem Spielfeld erscheinen. Unter ihnen auch der legendäre Shoeless Joe, der laut der Stimme kommen sollte. Die Kinogänger wurden von dem Streifen so berührt, dass das extra für den Film geschaffene Baseballfeld mittlerweile ein Mekka für Träumer jeder Couleur aus der ganzen Welt geworden ist.

Nun im Falle des FCUM wurde zwar kein neues Stadion gebaut (man spielt nach wie vor im Stadion des Viertligisten Bury FC), es wurde aber in Nullkommanichts ein neuer Verein aus dem Boden gestampft, wo jede/r, aber wirklich jede/r sagte, dass kann und wird nicht gut gehen. Keine vier Monate später steht man in der untersten englischen Regionalliga an der Tabellenspitze. Von den bisherigen 11 Ligaspielen hat man neun gewonnen, bei einem Unentschieden und einer unnötigen Niederlage. Dabei hat man bereits 41 Tore geschossen. Der verrückte Traum ist wahr geworden.

Auch zuschauermäßig ist der FCUM führend. Bisher kamen im Schnitt 2.741 Fans zu den Heimspielen. Damit rangiert der fangeführte Verein in der Gesamtzuschauertabelle für England und Wales momentan an 92. Stelle (bei 92 Proficlubs wohlgemerkt)! Das ist mehr als der Gastgeberclub Bury FC (4. Liga/2.547), mehr als der Nachbarclub Rochdale United (4. Liga/2.670) und mehr als der Vorreiterverein AFC Wimbledon (7. Liga/2.631), vorweisen können (Quelle: Tony Kempsters Website). Den Höchstwert verzeichnete der FCUM beim so genannten "United-United Day", als man die Fans der "großen United" einlud, sich mit der "kleinen United" zu solidarisieren. Stolze 3.808 Zuschauer ignorierten das gleichzeitig im Old Trafford stattfindende WM-Qualifikationsspiel zwischen England und Österreich und sahen stattdessen einen 6:0-Kantersieg des FCUM über Daisy Hill, deren bisheriger Zuschauerschnitt (33!) zahlenmäßig eher der Länge der Durchschnittsschlange vor den Stadionklos beim FCUM entspricht.

Mit der Zuschauerzahl steigt natürlich auch das breitere öffentliche Interesse am FCUM. Es kommen sogar Fans von anderen Vereinen, die sich mit der Idee des Neuanfangs durch Selbstverwaltung als kämpferischer Protest gegen den modernen Fußball identifizieren können. Das Phänomen wird natürlich auch von den Medien eingehend behandelt. Den FCUM kann man nicht einfach tot schweigen. Die Stadtzeitung Manchester Evening News schrieb z.B. am 24. August: "Die Menschen von Manchester haben eine lange Tradition, gegen Ungerechtigkeiten aufzustehen und nicht alles einfach hinzunehmen. Der FC United führt diese Tradition weiter."

Auch in Deutschland ist diese Robin-Hood-Geschichte nach dem Motto "holt euch das Spiel zurück" ein Thema. Die Junge Welt sprach gar von Manchester-Sozialismus. Für die Süddeutsche Zeitung ist Vereinspräsident Andy Walsh ein "Seelenretter im Klassenkampf", der angetreten ist, um "einen übermächtigen Dämon [Glazer] zu bekämpfen. Walsh ist Chef des FC United of Manchester, einem Auswuchs der Protestbewegung gegen die Verwandlung des großen Vereins aus der Nachbarschaft in ein Spekulationsobjekt von Finanzinvestoren."

Den Machern bei Manchester United ist die Entwicklung innerhalb der Fanszene auch nicht entgangen. Ausgerechnet nach dem Rekordbesuch gegen Daisy Hill sah sich kein Geringerer als Marketingchef Peter Draper gezwungen, sich zum neuen Rebellenverein zu äußern. Ein Zufall? Für ihn sei der FCUM "eine kleinere Version von Manchester United. Interessant finde ich, dass auch sie niemanden umsonst reinlassen. Sie werden demnächst einen Sponsor haben. Wenn Sie aufsteigen, werden sie auch bessere Spieler kaufen wollen. Um diesen Wunsch erfüllen zu können, werden sie dann schöne statt trockene Sandwichs verkaufen."

FCUM-Sprecher Jules Spencer wies die Behauptungen entschieden zurück, da der FCUM am anderen Ende der Kommerzskala stehe, egal was Draper sage: "Er hat überhaupt nichts begriffen", so Spencer, "das nehmen wir ihm aber nicht krumm, denn seine Meinung ist lediglich ein Beispiel für die Blase, in der die Menschen, die den Fußball in diesem Land kontrollieren und steuern, leben. Mit dem Kommerz bei Manchester United hatten wir kein Problem an sich, uns ging es darum, welche Form dieser annahm und wo das ganze Geld landete. Zum größten Teil landete es nämlich direkt in den Taschen der Aktionäre. Inzwischen fließt es in die Taschen von Malcolm Glazer. Beim FC United hingegen werden alle Gewinne direkt in den Verein zurückinvestiert, es wird nichts abgeschöpft."

Dass der FCUM keinen Sponsor hat, stimmt auch nicht. Er hat sogar bereits mehrere Sponsoren. Hauptsponsor ist die Wohltätigkeitsorganisation Bhopal Medical Appeal (www.bhopal.org), die den Opfern der Giftgaskatastrophe 1984 in Indien, bei der 20.000 Menschen ums Leben kamen, Hilfe anbietet. "Sie sind Sponsor geworden, weil sie sich dem Ethos und den Prinzipien des FC United verpflichtet fühlen, so wie wir uns deren verpflichtet fühlen", so Spencer weiter. "Egal was Peter Draper sagt, bei uns wird eine eventuelle Preiserhöhung durch die Vereinsmitglieder bestimmt, wobei jedes Mitglied eine Stimme hat".

Wohin letztendlich die FCUM-Reise geht, steht noch in den Sternen. Eins ist aber klar: bei diesem Verein ist nichts unmöglich! Es werden sogar Pläne geschmiedet, in der Nähe vom Old Trafford ein neues Stadion zu bauen, dort wo das Herz von Manchester United schlägt. Kann es sein, dass der Fußball wirklich nach Hause kommt? Drückt dem FC United of Manchester die Daumen!

Bis die Tage Duncan Disorderly