Seelenretter im Klassenkampf
03. December 2006
Die Kinder der Revolution feiern bei bitterem Bier. ¸¸Wer gibt den Entrechteten eine Mission?", brüllen 200 Angetrunkene im Swan&Cemetery-Pub und zeigen auf einen Mann, der verschüchtert an einem Spielautomaten lehnt und an einer Flasche Bier nuckelt. ¸¸Nur Andy Walsh schafft das." Der richtet seinen Blick zu Boden und genießt mit einem Lächeln. Es ist sicher ein gutes Gefühl, wenn man der stolzen englischen Arbeiterklasse Grund gibt, wieder glücklich zu sein.
Andy Walsh, 43, ehemals Journalist, ist nun hauptberuflich Seelenretter des Fußballs in Manchester. Er ist angetreten, einen übermächtigen Dämon zu bekämpfen. Walsh ist Chef des FC United of Manchester, einem Auswuchs der Protestbewegung gegen die Verwandlung des großen Vereins aus der Nachbarschaft in ein Spekulationsobjekt von Finanzinvestoren. ¸¸Ohne Fans gibt es keinen Fußball. Das werden die da oben noch begreifen", sagt Walsh in den Katakomben des alten Wellblech-stadions von Bury, der provisorischen Heimstatt seines neuen Vereins, 16 Kilometer nördlich von Manchester.
Es ist gerade eine halbe Stunde her, da hat sich eine Truppe von besseren Rumpelfußballern in der untersten englischen Liga für die Genesung der gebrochenen ManU-Herzen die Seele aus dem Leib gerannt. Während gleichzeitig um die Ecke die englische Nationalmannschaft gegen Österreich um die WM-Qualifikation kämpfte, haben hier fast 4000 Fans 90 Minuten ohne Unterlass Sprechchöre angestimmt. Gegner Daisy Hill wird 6:0 vom Platz geschossen. Trotzdem war es ein großer Auftritt für die Daisys. Normalerweise verlieren sich in der North West Counties Football League durchschnittlich 71 Zuschauer an den Sportplätzen.
Die Geschichte des FC United of Manchester ist eine, wie sie Charles Dickens geschrieben haben könnte: Working Class gegen Zigarren schmauchenden Ausbeuter. Andy Walsh gegen Malcolm Glazer, Milliardär und für ManU-Fans das personifizierte Böse. Es ist der 12. Mai 2005, als eine Nachricht Manchester erschüttert: Für 1,2 Milliarden Euro übernehmen Glazer und Söhne United, den bis dahin reichsten Fußballklub der Welt. Der Deal läuft zum größten Teil über Kredite. Die Schulden - 800 Millionen Euro - überschreibt Glazer dem Klub. Hunderte Anhänger versammeln sich vor Old Trafford, der altehrwürdigen Arena, wo so viele große Schlachten geschlagen wurden. ¸¸Es war, als hätten wir jemanden zu Grabe getragen", sagt Walsh.
Die Wiederauferstehung beginnt noch am selben Abend. Im Rush Home, einem Pub in Süd-Manchester, trifft sich ein Dutzend frustrierter Fans und beschließt beim Bier: Ein basisdemokratischer Verein muss her, die Finanzen transparent, das Team ein Produkt von Volkes Willen. Zehn Tage später versammeln sich 700 Unterstützer bei einem Meeting, zwei Wochen darauf sind es 2000, die den FC United of Manchester begründen. Anfang Juli hat der Klub 100 000 Pfund von 4000 Unterstützern zusammen. Unterdessen bekunden Fußballfans aus der ganzen Welt ihre Solidarität per E-Mail. Für die Rekrutierung des Teams setzt Walsh eine Anzeige in die lokalen Zeitungen: ¸¸Players wanted." 900 Spieler vom gesamten Erdball schicken ihre Bewerbung. Einer will gar sein Leben in Neuseeland aufgeben. Nach einem Casting unter der Leitung von Trainer Karl Marginson bleiben von 228 eingeladenen Spielern 18 übrig. Einige sind arbeitslose Hobby-Kicker, drei von ihnen Halbprofis mit einem Verdienst von 70 Pfund pro Match.
Eine, die den Jungs von der ersten Stunde an zujubelt, ist Maureen Pelham. Als Kleinaktionärin von ManU hatte die 57-Jährige einen unbeantworteten Protestbrief gegen Glazers Plan an die Wettbewerbsbehörde geschickt. Jetzt verkauft die Lady im Stadion von Bury ehrenamtlich Programmhefte zu zwei Pfund. ¸¸Das hier ist eine unglaublich positive Veranstaltung, bei der ich gerne helfe", sagt Pelham. ¸¸Der FC hat all das wiedergebracht, was wir in den alten Tagen bei United erlebt haben." Maureen Pelham muss es wissen. 1957, als Neunjährige, war sie mit dem Vater zum ersten Mal bei einem United-Spiel. Seitdem hat sie kein wichtiges Match verpasst: den Pokalsieg 1963, die Europapokal-Triumphe 1968 und 1999. Noch immer hält sie eine Dauerkarte in Old Trafford, zweite Reihe, North Stand, Gegentribüne Höhe Mittellinie. Bezahlen muss sie dafür inzwischen 608 Pfund. Sie geht noch hin, aber sagt: ¸¸Ich liebe das Team und hasse den Klub. Es ist eine Schande. Ein Amerikaner, der unsere Tradition weder kennt noch schätzt, kommt und beutet unseren Verein aus."
Für die Manchester United Aktiengesellschaft ist der Protestklub ein Zwergenaufstand. Die ManU-Spiele seien wie gewohnt ausverkauft, sagt die Pressesprecherin. Alles kein Problem. Klassenkämpfer Andy Walsh ist vom Gegenteil überzeugt. ¸¸Wir haben Großes vor", sagt er im Swan&Cemetery und fabuliert über die Zukunft: Zuerst soll der Aufstieg her, dann das eigene Stadion. ¸¸Wir arbeiten bereits mit Architekten und Städteplanern an der Umsetzung." Nach Bury sollen die Fans dann nicht mehr fahren. ¸¸Wir werden da spielen, wo das Herz von ManU schlägt - ganz in der Nähe von Old Trafford." Tim Farin / Christian Parth
Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.241, Mittwoch, den 19. Oktober 2005 , Seite 36
